Dörp un Lü, Seite 14


Geschichte(n) aus Scheps

Teil 4

Im Sommer 1945 gab es in Deutschland verschiedene Lager in denen deutsche Kriegsgefangene interniert waren. In Wilhelmshaven gab es eines unter britischer Hoheit. Aus diesem Lager wurden acht ehemalige Soldaten nach Westerscheps abkommandiert, um auf der Entenfarm Bölts zu arbeiten. Unter ihnen war auch Fritz Warnke. Herr Warnke wohnt heute mit seiner Frau in Edewecht, und hat mir neulich über die Zeit nach dem Krieg ausführlich berichtet. Er hat ein Buch über die Zeit des 2. Weltkriegs und die unmittelbare Nachkriegszeit geschrieben, und mehrere Artikel über diese Zeit verfasst. Er kümmert sich auch heute noch um die Gräber der gefallenen Soldaten im Ausland.
Die acht Männer waren in Baracken bei der so genannten Russenkuhle untergebracht. Das Gelände liegt im Dreieck Heinfelde, Westerscheps und Harkebrügge. Es heißt auch heute noch so, und hat seinen Namen von den russischen Kriegsgefangenen, die hier bis Januar 1945 interniert waren.
Der Lohn betrug, wie berichtet, seinerzeit 50 Reichsmark im Monat und entsprach dem Gegenwert einer Zigarette. Der Vorteil für die Leute, die auf der Entenfarm arbeiteten lag darin, dass sie meistens etwas zu essen oder zu tauschen hatten. Schwarzschlachten und Schnaps brennen war damals auf den Bauernhöfen weit verbreitet. Die von den Besatzern installierte Polizei war gefürchtet. Wer beim Brennen oder Schlachten erwischt wurde, kam vor Gericht und nicht selten ins Gefängnis. Immer wieder gab es Razzien durch die Militärpolizei, wenn ehemalige Soldaten aus den Lagern geflohen waren.
Auch aus unserer Gemeinde wurden seinerzeit Leute abgeholt und verschwanden für Wochen oder gar Monate. Sie mussten sich einer Entnazifizierung unterziehen. Es waren meistens Männer, die z.B. unter den Nazis Orts-bauernführer gewesen waren oder Posten in der Verwaltung inne gehabt hatten. Niemand wusste genau, wo solche Umerziehungslager eigentlich installiert waren.
In dieser so genannten wilden Zeit gab es an den Sonntagen auch wieder die ersten Tanzveranstaltungen. Sie fanden nur sonntags nachmittags statt. Alkohol durfte nicht ausgeschenkt werden. Dennoch waren viele Gäste nach einiger Zeit ordentlich betrunken. Es war nämlich üblich, selbst gebrannten Schnaps zur Feier mitzubringen und in einem Heuschober bei der Gastwirtschaft zu verstecken. Man ging dann eben öfters mal raus um frische Luft zu tanken ...
Die Besatzungssoldaten, meistens Engländer und Polen, nutzten solche Feiern um ihre Macht zu demonstrieren. Sie machten sich auch an die einheimischen Mädchen und Frauen heran. Dies führte dann unweigerlich zu heftigen Wirtshausschlägereien, bei denen oftmals viel Blut floss. Da die Schepser Jungs aber zusammenhielten und kräftig austeilten, hatte sich die Sache bald erledigt.

In diesem Sommer 1945 kamen viele Kriegsgefangene, ehemalige Soldaten, nach Hause. Auch in Scheps gab es manche Familie in denen die Freude groß war, wenn der Vater, Bruder oder der Sohn endlich wieder daheim war. Etliche hatten schwere Verwundungen davon getragen und blieben zeitlebens Invaliden. Andere kamen erst 1950 oder noch später zurück. Viele Menschen hat der Krieg aus der Bahn geworfen. Sie waren heimatlos und hatten ihre Familien verloren. Manche setzten ihrem Leben selbst ein Ende, weil alles nur noch sinnlos erschien.

Insgesamt war diese Zeit von Gesetzlosigkeit geprägt. Die Menschen kämpften täglich ums Überleben. Viele nutzten die Notlage anderer aus, aber gerade hier im ländlichen Raum zählte die Nachbarschaft und das Gefühl der Zusammengehörigkeit mehr als anderswo. Die Hilfe für andere, die in Not waren, blühte oftmals im Verborgenen, aber sie blühte.
Reihe wird fortgesetzt

Adolf Klöver

junge Schepser im Jahr 1946 vor der Schießhalle bei Nemeyer